„Der Eurovision Song Contest als neobarockes Spektakel“

Raphael Reis Medeiros de Campos

Was haben prunkvolle Fürstenhochzeiten, die Ballette Ludwigs XIV. und der Eurovision Song Contest miteinander zu tun? Erstaunlich viel, meint der brasilianische Forscher Raphael Reis Medeiros de Campos. Bei der Eurovisions Conference in Wien gewann er mit seiner ebenso originellen wie überzeugenden These den Science Slam: Der ESC lasse sich als eine moderne Form des barocken Hofspektakels betrachten (Vortrag hier nachzusehen). In unserer Episode „08.25 Barock, Bombast, Bangaranga: Der ESC als Hofspektakel“ spricht er darüber gemeinsam mit dem Eurovision-Forscher und Konferenzorganisator „Dr. Eurovision“ Irving Wolther.

Im Barock waren Opern, Ballette und höfische Feste weit mehr als bloße Unterhaltung. Sie demonstrierten Reichtum und Macht, dienten der politischen Propaganda und sollten eine Gemeinschaft um den Herrscher formen. Campos erkennt darin deutliche Parallelen zum Song Contest: „Beide sind musikalische Spektakel, die inszeniert werden, Illusionen und Bühnenmaschinerie einsetzen und nicht nur mit Musik, sondern auch mit visuellen Mitteln, Kostümen, Bühnenbildern und Technik arbeiten.“ Heute steht nicht mehr der Ruhm eines Fürstenhauses im Mittelpunkt, sondern das Bild, das ein Gastgeberland von sich zeigen möchte. Als Beispiel nennt Campos Aserbaidschan, das sich 2012 mit der eigens errichteten Baku Crystal Hall als modernes, technologisch fortschrittliches Land inszenierte.

Auch der Ablauf des ESC erinnert den Forscher an die mehrtägigen höfischen Feste des Barock. Damals konnten Hochzeiten mit Umzügen, Opern, Bällen, Theateraufführungen, Banketten und Spielen eine ganze Woche dauern. Der Eurovision Song Contest beginnt ebenfalls lange vor dem Finale: mit Pre-Partys in verschiedenen Städten, dem Turquoise Carpet, Proben, Juryshows, Halbfinalen, Euroclub und Eurovision Village. „Es gibt private und öffentliche Möglichkeiten, an diesem ganzen Ereignis teilzunehmen“, erklärt Campos. Aus vielen einzelnen Veranstaltungen entsteht ein großes, zusammenhängendes Spektakel – fast wie bei einem barocken Hoffest.
Selbst die Bühneneffekte haben eine lange Tradition. Wasser, Feuerwerk, überraschende Verwandlungen und technische Apparaturen versetzten schon das barocke Publikum in Staunen. Salvador Sobrals berühmter Satz, „Music is not about firworks“, stimmt für Campos daher nur bedingt: „Ich glaube, heute geht es sehr wohl auch um Feuerwerk.“ Allerdings könne gerade der bewusste Verzicht darauf ebenso wirkungsvoll sein – weil Minimalismus im Kontrast zum allgemeinen Bombast besonders auffällt.

Irving Wolther erzählt, Campos’ Vortrag habe seinen Blick auf den Wettbewerb nachhaltig verändert: Plötzlich habe er die einzelnen Auftritte als Szenen einer Barockoper gesehen – etwa eine Sängerin, die binnen Sekunden an einem anderen Ort erscheint, oder Australiens Act, der wie ein „Deus ex piano“ emporgehoben wird. Tatsächlich lassen sich viele ESC-Beiträge als kleine, in sich geschlossene Drei-Minuten-Opern verstehen: mit Figuren, Kostümen, Tanz, Regie, Bühnenbild und einer komprimierten Geschichte.

Doch hinter dem Glanz bleibt die politische Dimension sichtbar. Der ESC propagiert Vorstellungen von Zusammengehörigkeit, Gleichheit und europäischer Identität, wird zugleich aber zum Schauplatz von Auseinandersetzungen über Russland, Israel oder den Rückzug von Ländern wie der Türkei und Ungarn. Musik und Macht seien seit jeher eng miteinander verbunden, betont Wolther. Campos ergänzt: „Kunst besitzt diese Macht – aber Musik hat etwas ganz Besonderes, weil sie unsere Gefühle auf eine sehr unbewusste Weise erreicht.“ Der Eurovision Song Contest ist damit nicht nur eine moderne Popshow. Er ist Hofspektakel, politische Bühne und barockes Gesamtkunstwerk zugleich.

Foto: Raphael Reis Medeiros de Campos

Die gesamte Episode kann man sich hier anhören:

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