Debatte um Israels ESC-Teilnahme: Warum Canceln keine Lösung ist und der Song Contest Brücken statt Mauern bauen sollte.
Von Marco Schreuder
Vor kurzem sorgte das Gent Festival von Flandern für Aufsehen. Das Festival hat die Münchner Philharmoniker am 18. September 2025 ausgeladen, weil ihr Dirigent Lahav Shani zugleich Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestras ist – und seine Haltung zur israelischen Regierung vom Festival als nicht klar genug angesehen wurde. Nun wollen der niederländische TV-Sender AVROTROS und der irische Sender RTÉ Israel beim Eurovision Song Contest canceln. Ähnliche Signale gibt es aus Spanien, Slowenien und Island. Der Stiftungsrat des ORF hat sich wiederum für die Teilnahme von Israel ausgesprochen.
Ich weiß, das Thema spaltet die Community, und damit sicher auch die Hörer*innen unseres Podcasts. Ich hoffe, dass alle unterschiedliche Sichtweisen aushalten können. Denn in einer offenen Gesellschaft ist genau das eine Grundvoraussetzung für Zusammenleben und Diskussion
Ich habe eine klare Meinung, warum das Canceln von Israel beim Eurovision Song Contest der falsche Weg ist. Neun Gründe:
1. Beim ESC treten Sender an – nicht Regierungen
Beim Eurovision Song Contest treten keine Regierungen an, sondern Rundfunkanstalten. Öffentlich-rechtliche Sender sind Mitglieder der EBU – nicht die Staaten selbst. Solange ein Sender die Prinzipien von Meinungsfreiheit und unabhängiger Berichterstattung wahrt, gibt es keinen Grund, seine Teilnahme infrage zu stellen. Beim israelischen Sender KAN ist das der Fall. Sollte das anders sein, dann müsste die EBU grundsätzlich über die Mitgliedschaft entscheiden – aber das hätte mit dem ESC selbst weniger zu tun. Im Übrigen glaube ich schon, dass im israelischen Sender KAN Meinungsfreiheit deutlich stärker vorhanden ist als bei einigen anderen Sendern innerhalb der EBU.
2. Netanyahu und Sender KAN sind keine Freunde
Die Regierung Netanyahu ist alles andere als KAN-freundlich. Sie plant, den Sender zu privatisieren und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk insgesamt abzuschaffen. KAN und seine Dachorganisation, die Israeli Public Broadcasting Corporation, sind die letzten Überreste des einst stolzen öffentlich-rechtlichen Rundfunks IBA, der 2015 aufgelöst wurde. Dass der Eurovision Song Contest 2019 in Tel Aviv stattfinden konnte, rettete KAN – denn Israel brauchte dafür zwingend einen öffentlich-rechtlichen Sender. Man könnte daher erwarten, dass andere europäische öffentlich-rechtliche Anstalten sich schützend vor KAN stellen und Solidarität zeigen. Der Ruf nach einem Ausschluss von KAN vom ESC ist hingegen ein Stich in den Rücken des demokratischen und öffentlich-rechtlichen Israels.
Vielleicht erinnert sich jemand an den Abschied der IBA beim Eurovision Song Contest 2017:
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3. Zeit für Dialog statt Erpressung
Die EBU hat die Fristen für Rückzüge und Anmeldungen bis Dezember verlängert. Ich gehe davon aus, dass das geschah, um im Hintergrund Gespräche zu führen. Trotzdem versuchen nun einzelne Sender, etwa AVROTROS aus den Niederlanden oder RTÉ aus Irland, öffentlich Stimmung gegen Israel zu machen. Sie behaupten, Israels Teilnahme belaste den ESC politisch – dabei schaffen sie erst selbst diese Belastung. Das ist eine absurde Intervention und vergiftet die Debatte umso mehr und spaltet. Zudem ist diese Vorgehensweise erpresserisch. Sie wollen nicht diskutieren, sondern kommunizieren sofort ein entweder-oder.
4. Musik soll Grenzen überwinden – nicht schaffen
Zur Erinnerung: Auch Aserbaidschan und Armenien sind trotz ihres Krieges gegeneinander jahrelang gemeinsam angetreten und auf derselben ESC-Bühne gestanden. Und genau das war immer die Idee des ESC: Musik soll Grenzen und Feindschaften überwinden. Das war schon Grundprinzip, als in frühen Jahren damals autoritär regierende Staaten wie Portugal und Spanien, oder auch das sozialistische Jugoslawien unter Tito mitmachen konnten. Das war immer die Stärke des ESC.
5. Israel nur als Aggressor darzustellen ist einseitig
Es ist einseitig, Israel ausschließlich als Aggressor darzustellen und gleichzeitig die Massaker der Hamas völlig auszublenden. Man darf, soll und muss Netanyahu oder rechtsextreme Politiker*innen kritisieren (das tue ich auch), das ist selbstverständlich. Aber ob ein Krieg als Genozid einzustufen ist, entscheiden nicht soziale Medien, eine persönliche Meinung oder Fernsehsender, sondern ein internationales Gericht. Nicht wir, nicht nationale Sender, auch nicht die EBU sind befugt, darüber zu urteilen. Es gibt dazu kein rechtsgültiges Urteil.
6. Doppelte Standards
Es ist auffällig, dass Menschen ausschließlich gegen Israel demonstrieren, aber zu anderen Kriegen oder Genoziden schweigen – etwa zum derzeitigen im Sudan. Oder wenn diese Aktivist*innen sagen, man darf doch wohl gegen rechtsextreme Regierungsmitglieder demonstrieren, aber dies in anderen Fällen – sei es im eigenen Land, oder gegen andere Länder – nicht tun. Das ist doppelter Standard. Und eine solche Einseitigkeit muss man beim Namen nennen: Antisemitismus, getarnt als Israel-Kritik. Es singen auch beim ESC andere Länder im krieg, oder mit Rechtsextremen in Regierungen. Das kann kein Argument sein.
7. Building Bridges – auch 2026
Wenn wir den ESC wieder stärker als Ort verstehen wollen, an dem Musik und Kultur Brücken bauen kann – ähnlich wie im Sport –, dann sollten wir uns daran erinnern, dass es hier um Menschen geht, nicht um Regierungen. Um Kunst, um Kultur, um die Möglichkeit, eben diese Brücken damit zu bauen. Es geht darum, dass man wenigstens für ein paar Tage die Hände über Grenzen hinweg reichen kann und Hass abstreift, trotz aller Konflikte. Der olympische Gedanke, in diesem Fall als Gesangswettbewerb.
8. Russland ist nicht Israel – zwei völlig verschiedene Fälle
Weil so oft Israel mit Russland oder Belarus verglichen wird: Russland und Belarus wurden von der EBU ausgeschlossen – und haben danach auch ihren Austritt erklärt –, weil die dortigen Sender staatlich kontrolliert sind, Kriegspropaganda betreiben und keine freie Berichterstattung zulassen. Man darf außerdem nicht vergessen: Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verstößt klar gegen internationales Recht, während der Krieg Israels gegen die Hamas nach einem der brutalsten Terrorangriffe der Menschheitsgeschichte begonnen hat. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ausgangslagen, die man nicht gleichsetzen kann. Die Hamas ist keinesfalls mit der Ukraine vergleichbar – im Gegenteil. Die Ukraine hat keine Charta, das Russland von der Landkarte fegen will oder es als Pflicht definiert, jeden Russen zu töten. Und doch gehört es zum Spirit des ESC, langfristig alles dafür zu tun, dass auch Russland und Belarus eines Tages wieder teilnehmen können – mit echten, unabhängigen, öffentlich-rechtlichen Medien. Das gilt im Übrigen auch für Länder wie die Türkei und Ungarn.
9. Canceln bedeutet andere Stimmen ausschalten
Canceln ersetzt keine Debatte. Es will sie auch nicht, es will sie gar nicht stattfinden lassen. Beim Canceln geht es nicht um Austausch, sondern ums Ausschalten von Stimmen. Canceln ist keine Diskussion, sondern deren Abbruch.
Foto: Yuval Raphael, Opfer des Hamas-Massakers vom 7.10.2023, bei der Flaggenparade des Eurovision Song Contest 2025 in Basel – Foto: EBU/Alma Bengtsson
Dieser Kommentar ist in der Podcast-Episode 07.24 „Nur in der Wiener Luft“ zu hören, in dem wir die Hosting-City 2026 Wien vorstellen:
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